Inhalt

► Gründungsbericht: Kirche kritisch diskutieren (TV vom 28.01.2006)
Auslaufmodell Staat? - Matinee mit Dr. Erhard Eppler (TV vom 23.01.2008)
Kirchen-Autoritäten kritisch beleuchtet (TV-Bericht über das TQT vom 28.01.2009)
Die Biologie begrenzt die Freiheit (Drewermann im TQT, TV vom 07.07.2009)
► Das Theologische Quartett Trier startet sein Halbjahresprogramm (TV vom 9.10.10)
► Der Kapitalismus zerstört sich selbst (16vor vom 07.12.10)
► Der TV vom 02.12.2010 zur Matinee mit Robert Kurz "Der moderne Kapitalismus.."
► Der TV vom 16.10.2012 zum TQT-Programm 2012/13

(TV=Triererischer Volksfreund)
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Kirche kritisch diskutieren

Artikel im Trierischer Volksfreund vom 23.11.2006 (Abdruck)

Von unserem Redakteur
HANS-PETER LINZ



Gründungsvorstand (Foto: TQT)

TRIER. In die Fußstapfen des bekannten Trierer Religionslehrers und Priesters tritt der neu formierte Vorstand des Theologischen Quartetts, das Vorträge zum Thema Glaube und Kirche bietet. Einer der Hyhepunkte wird der Auftritt des umstrittenen Theologen Gotthold Hasenhüttl werden.


Im Jahr 2000 gründete der in diesem Jahr gestorbene Priester und Religionslehrer Hermann Münzel das Theologische Quartett Trier (TQT). Seither bietet das TQT jährlich sechs bis acht Veranstaltungen, meist als Matinee in Kooperation mit der VHS der Stadt Trier, an. Kompetente Referenten nehmen kritisch Stellung zu Themen über Glaube, Kirche und Gesellschaft. Im August 2006 formierte sich ein neuer Vorstand, und das TQT wurde als gemeinnütziger Verein anerkannt und in das Vereinsregister eingetragen. Der neue Vorstand besteht aus Peter Kappenstein, Willi Klein, Martina Morawietz und Lothar Adenauer. Der TV sprach mit Lothar Adenauer.

Wie laufen die Veranstaltungen des TQT ab?

Adenauer: Das TQT ist zum einen eine Veranstaltungsform, in der Regel als Sonntagsmatinee durchgeführt, die mit dem Vortrag eines profilierten Referenten beginnt. Anschließend nehmen drei fachkompetente Frauen und Männer Aspekte des Vortrags auf und diskutieren mit dem Vortragenden (daher "Quartett", in Anlehnung an das Literarische Quartett des ZDF). Danach ist das Publikum eingeladen, mit zu diskutieren. Zum anderen ist das TQT ein Gruppe von (katholischen) Christen, derzeit Theologen, Pädagogen, Sozialfachleute, die im Jahr 2000 unter der Federführung von Hermann Münzel begonnen haben, aktuelle Themen aus Religion, Kirche und Gesellschaft in kritisch-konstruktiver Weise zur Diskussion zu stellen. Erster Gast und Gesprächspartner war Bischof Jacques Gaillot/Paris.

Welche Ziele hat das TQT ?

Adenauer: Ziel des TQT ist es, religiöse, theologische und gesellschaftliche Entwicklungen in Kirche, Staat und Gesellschaft kritisch aufzugreifen und zur Sprache zu bringen. Dadurch will das TQT den öffentlichen Diskurs über teils vergessene und verdrängte Themen anregen und zur Förderung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beitragen.

In welcher Tradition sieht sich der Vorstand des TQT?

Adenauer: Mit der Vereinsgründung gedenkt das TQT seines Initiators, des Priesters und Religionslehrers Hermann Münzel (1935-2006), dem das TQT die wichtigsten Impulse verdankt und der wegen seiner loyalen und kritischen Haltung seiner Kirche gegenüber und wegen seines bürgerschaftlichen und sozialen Engagements von vielen geschätzt und geachtet wurde. Die Veranstaltungen des TQT finden in Kooperation mit der Volkshochschule Trier im Palais Walderdorff, Domfreihof, statt.

Welche Menschen will das TQT erreichen?

Adenauer: Junge und ältere Menschen, die sich zu den o. g. Themenbreichen informieren wollen, an einer konstruktiven Auseinandersetzung interessiert sind und im Gespräch mit anderen Orientierung suchen für ihren Glauben und ihr Leben.

Wie wird das TQT finanziert?

Adenauer: Als freie und unabhängige Initiative finanziert sich das TQT durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Eintrittsgelder zu den Veranstaltungen. Die aktiven Mitglieder arbeiten ehrenamtlich.

Wie ist das Programm des TQT gestaltet?

Adenauer: Neben dem traditionellen Vortrag in Form eines Referats steht möglichst einmal jährlich ein (kirchen-)kabarettistischer Beitrag auf dem Programm.

Das Programm des TQT:

26. November, 15 Uhr: Professor Johann Baptist Metz/Münster: "Mystik und Politik".

10. Dezember, 11 Uhr: Professor Paul Zulehner/Wien: "Die Religion kehrt wieder – und die christlichen Kirchen?"

11. Februar 2007, 11 Uhr: Professor Sabine Demel/Regensburg: "Frauen und kirchliches Amt: Vom Ende eines Tabus"

18. März 2007, 11 Uhr: Professor Gotthold Hasenhüttl/Saarbrücken: "ökumenische Gastfreundschaft – Zum Abendmahlsstreit gestern und heute".


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Auslaufmodell Staat?

Artikel im Trierischer Volksfreund vom 23.01.2008 (Abdruck)

Von unserer Mitarbeiterin Gabriela Böhm



TV-Foto: Gabriela Böhm

Auf Einladung des Theologischen Quartetts Trier e.V. war Dr. Erhard Eppler zu Gast in Trier. Der ehemalige Bundesminister für wirt-schaftliche Zusammenarbeit fesselte 70 Interessierte mit seinem Vortrag über die Verhältnisse von Staat und Markt.

Trier. Einmal gelernt, ist immer gelernt: Mit strammen 81 Jahren konzentriert einen Vortrag halten, ohne Polemik oder Pathos, dafür fundiert und fesselnd. Sechs Jahre lang, von 1968 bis 1974, war Eppler Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, nur eine von vielen interessanten und einflussreichen Stationen seines Lebens, wie Peter Kappenstein bei der Begrüßung Epplers kurz zusammenfasste. Unter anderem war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, 21 Jahre Mitglied des SPD-Bundesvorstands, Bundes- und Landtagsabgeordneter, jahrelanger Vorsitzender der SPD-Grundwerte-kommission. 121 Bücher und Aufsätze habe Eppler bislang geschrieben, sagte Kappenstein. Das jüngste Werk heißt "Auslaufmodell Staat", ein Thema, das Eppler auch in seinem Vortrag aufgriff.

Kernaufgaben eines Staates

Trier sei die einzige Stadt Deutschlands, die eine derartige historische Kontinuität aufweisen könne, sagte Eppler zur Einleitung seines Vortrags über das Bibelzitat "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" - Kirche, Staat und Markt in Europa". Nach einem historischen Exkurs ging Eppler auf das "Auslauf-modell Staat" ein. "Die Hauptgefahr des 21. Jahrhunderts ist der handlungsunfähige, hilflose und erpressbare Staat", befand Eppler. Kernaufgaben des Staates wie die innere Sicherheit oder das Gewaltmonopol würden zunehmend nicht erfüllt. Als Beispiele nannte Eppler den Kongo, Brasilien oder Italien, das bereits auf dem Weg eines "zerfallenen Staates" sei. Eppler griff eine amerikanische Publikation auf, wonach zukünftig der "Marktstaat" existiere: Der Staat zuständig für die Bereitstellung der Märkte Bildung, Sicherheit oder Gewalt, die Bürger als Kunden, die Bildung oder Sicherheit kaufen. Während Politik moralisch angreifbar sei, treffe dies nicht auf den Markt zu - aktuelles Beispiel die Schließung von Nokia in Bochum, die zwar unmoralisch, aber marktgerecht sei. Das Bewusstsein werde immer weiter ökonomisiert, was Energien absorbiere und zum Schaden des Gemeinwohls sei. Das Verhältnis Staat, Markt und Zivilgesellschaft müsse europäisch neu definiert werden. Mindeststeuern für Unternehmen in Europa könnten ein Ausweg aus der Misere sein, wobei die Kirchen "ein wirksames Wort zu sagen haben", sagte Eppler und erhielt respektvollen Beifall für seine Ausführungen, denen eine Diskussion folgte. Für einen musikalisch-schwungvollen Rahmen sorgte das Jazz-Trio "Rhythm-a-Nink".

Das Theologische Quartett Trier e.V. (TQT), eine Initiative des verstorbenen Priesters und Religionslehrers Hermann Münzel, greift in seinen Veranstaltungen religiöse und gesellschaftspolitische Entwicklungen in Kirche, Staat und Gesellschaft auf. Sechs Mal im Jahr werden in Kooperation mit der Trierer Volks-hochschule Sonntagsmatineen um elf Uhr im Palais Walderdorff angeboten. Die nächste Veranstaltung findet am 10. Februar statt, in der sich Professor Franz Hamburger mit dem Einwanderungsland Deutschland befasst.

Informationen bei Lothar Adenauer, E-Mail-Adresse: TQT@gmx.de.


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Kirchen-Autoritäten kritisch beleuchtet

Artikel im Trierischer Volksfreund vom 28.01.2009 (Abdruck)

Von unserem Redaktionsmitglied Christian Kremer

Die Positionen der Kirche kritisch beleuchten und Autoritäten hinterfragen: Das sind zwei Ziele, die sich der Verein "Theologisches Quartett Trier" gesetzt hat. Seit dem Jahr 2000 sind die Sonntagsmatineen des Vereins im Palais Walderdorff ein Forum für konstruktive Kirchenkritik.


Trier.
An einem kommt keiner vorbei, wenn es um das "Theologische Quartett Trier" (TQT) geht: Hermann Münzel. Der bekannte Priester ist zwar 2006 gestorben, sein kritischer Geist weht aber nach wie vor im TQT. Er ist sozusagen die Leitfigur des Vereins. "Meine Motivation, mich im TQT zu engagieren ist, die Ideen von Hermann Münzel weiterzutragen", sagt Peter Kappenstein, Vorstandsmitglied des Vereins.

Auch Münzels kritische Perspektive will das TQT nicht missen lassen. "Wir arbeiten unabhängig als Verein, weil wir nicht am Tropf der Kirche hängen wollen", sagt Lothar Adenauer, der ebenfalls zum Vorstand gehört. Und so spricht der Verein bei seinen offenen Podiumsdiskussionen während der Sonntagsmatineen Themen an, über die innerhalb der Kirche nur wenige reden - zum Beispiel Homosexualität und Priestertum, Missbrauchsfälle in der Kirche oder Kritik am Zölibat. Damit will das TQT eine konstruktive Diskussion auch innerhalb der Kirche anregen.

"Das Charisma, das Hermann Münzel hatte, haben wir nicht", sagt Adenauer. Das ist einer der Gründe, warum das TQT seit dem Tod Münzels als Verein organisiert ist. Diese Form ist laut Adenauer nicht mehr so personalisiert wie zuvor.

Der Verein zählt zurzeit 30 Mitglieder, von denen sieben den Vorstand bilden. Neben Kappenstein und Adenauer gehören die Vereinsgründer Winfried Blasweiler, Willi Klein, Jutta und Heribert Lehnert sowie Martina Morawietz dazu. Entscheidung zwischen Himmelreich und Hölle

Die Vorstandsmitglieder entscheiden über die Themen der Sonntagsmatineen. Das Pro-gramm entsteht laut Adenauer und Kappenstein im Kollektiv. Als Zugpferde sind neben interessanten Themen auch bekannte Namen wichtig. So verfügt der Verein schon über einen erlesenen, internationalen Refe-rentenkreis. Dazu gehören unter anderem der politisch engagierte Ex-Bischof Jacques Gaillot und der kritische Theologe Hubertus Halbfas, dem Ende der 1960er Jahre die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde. Andere Referenten reihen sich laut Kappenstein gerne in diese Reihe ein.

Thematisch orientiert sich das TQT an einem Vierklang: innerkirchliche Themen, Gesellschaft und Wirtschaft, Frauen in der Kirche sowie Humor und Kultur. Mit dieser Themenmischung ziehen die Sonntagsmatineen jedesmal etwa 100 Zuhörer und Diskutierfreudige an. Bei den Veranstaltungen wird aber nicht nur geredet. Um die musikalische Untermalung und Auflockerung kümmert sich das Jazz-Trio "Rhythm-a-Nink" unter der Lei-tung von Bernhard Nink. Trotz der Kirchenkritik "im Schatten des Trierer Domes" hat sich bisher laut Adenauer und Kappenstein noch niemand vom Bistum beschwert.

Eine schöne Episode gibt es zur Auswahl des Weines, den die Referenten als kleines Dankeschön bekommen. So konnte das TQT entscheiden zwischen den Weinen "Wiltinger Hölle" und "Graacher Himmelreich", die die Vereinigten Hospitien als Sponsor zur Ver-fügung stellten. "Wir haben uns für die Hölle entschieden, weil der Wein einfach besser schmeckt", sagt Kappenstein.

Auch im Februar und im März finden in Kooperation mit der Volkshochschule um 11 Uhr Sonntagsmatineen im Palais Walderdorff in Trier statt. Die Theologin Helen Schüngel-Straumann spricht am 15. Februar über feministische Gottesbilder in der Bibel bei ihrem Vortrag "Gott bin ich und kein Mann". Am 22. März folgt ein Vortrag von Wilhelm Bruners über poetische Texte und Gott. Der Eintritt kostet sechs Euro, ermäßigt vier. (cmk)

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Die Biologie begrenzt die Freiheit

Artikel im Trierischen Volksfreund vom 07.07.2009 (Abschrift)

Von unserer Mitarbeiterin Anke Emmerling



Der Paderborner Theologe Eugen Drewermann war zur Matinee des Theologischen Quartetts Trier in der Tufa. Vor rund 200 Zuhörern setzte er unter dem Titel "Gott im Gehirn?" Dogmen der Religion philosophische Denkansätze entgegen.

Trier
. Eugen Drewermann bedankt sich am Anfang seines Vortrags bei seinen Zuhörern für ihren Mut, gekommen zu sein. Das befremdet zunächst, entpuppt sich aber als gerechtfertigt, denn er verlangt ihnen mit der Zielsetzung einer "tiefen Auseinandersetzung" einiges ab. Sie müssen sich auf komplexe Gedankengebilde einlassen. Komprimiert auf zwei Stunden ist das eine packende Herausforderung. Drewermann relativiert mit Erkenntnissen zu genetischen und biochemischen Faktoren, die den Menschen prägen, die Freiheit seines Handelns und damit auch seine bewusste Entscheidung für "Gut" oder "Böse".

Daraus resultierend stellt er das Recht über andere Menschen juristisch wie moralisch zu urteilen infrage. Das wiederum führt ihn zu Dogmen der abendländisch-christlichen Lehre, die er mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Argumentationen als heute unglaubwürdig entlarvt. Pointiert lässt er sich über die Unvereinbarkeit der Gott zugeschriebenen Attribute "Allmacht", "-weisheit" und "-güte" aus oder erklärt, dass seit Darwin einer der Hauptgründe an Gott zu glauben (Schöpfung) entfalle. Wunder seien Projektionen von Bewusstseinswahrnehmungen, an die man nicht glauben könne. Am biblischen Beispiel der Christus-Erscheinung von Paulus aber zeigt er doch eine Dimension jenseits des biochemisch Erklärbaren auf.

Paulus, der als Saulus noch überzeugter Richter über andere war, habe wohl einen epileptischen Anfall erlitten und sei erstmals schwach und auf Gnade und Hilfe angewiesen gewesen. Das habe seine Sicht auf Menschen nachhaltig verändert, insofern habe er Christus tatsächlich gesehen. Friedrich von Spee habe einen Perspektivwechsel vollzogen, als eine verurteilte "Hexe" ihm offenbarte, sich der unter Folter gestandenen Schuld nicht bewusst zu sein. In diesem Sinne könne man auch heute an Gott glauben, als "gütigen Hintergrund" eines eigenen Handelns, das jeden Mensch als Subjekt sehe, denn: "Die Höhe einer Kultur ist identisch mit ihrem Raum für Schwache". Bei den Zuschauern, die bis zum Ende durch-halten, bleiben einige Fragen. Ihr Echo reicht vom Lob der "zutiefst menschlichen Bot-schaft" über "schwammig" und "genial" bis: "Er gibt von den kirchlichen Lehren Verun-sicherten eine andere, wenn auch schwierigere Perspektive".

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Zwischen Juden und Christen

Artikel im Trierischen Volksfreund vom 09.10.2010 (Nachdruck)

Das Theologische Quartett Trier startet sein Halbjahresprogramm am Sonntag, 10. Oktober, mit dem Vortrag "Jesus von Nazareth zwischen Juden und Christen".

Trier. (red/cus) Einmal pro Monat, jeweils sonntags um 11 Uhr, lädt das Theologische Quartett Trier ins Palais Walderdorff (Vortragssaal der Volkshochschule) am Domfreihof ein. Professorin Ruth Lapide eröffnet das Halbjahresprogramm am Sonntag, 10. Oktober, um 11 Uhr mit dem Vortrag "Jesus von Nazareth zwischen Juden und Christen". Sie wird unter anderem der Frage nachgehen, ob Jesus zum Bruch oder zur Brücke zwischen den Menschen seiner Zeit wurde.

Am 14. November spricht Joachim Kahl aus Marburg zum Thema: "Weltlicher Humanismus - Eine lebbare Philosophie für unsere Zeit". Kahl geht es um ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit. Am 5. Dezember referiert Robert Kurz aus Nürnberg: "Der moderne Kapitalismus als säkulare Heilslehre".

Das Thema von Professor Dietmar Mieth am 16. Januar 2011 lautet: "Freiheit im Glauben - Zum Freiheitsmotiv bei Meister Eckhart".

Am 13. Februar spricht Professor Arnold Otto Benz aus Zürich über "Das Universum: Normalzustand oder Geschenk?" Zum Finale am 20. März berichtet Professorin Bärbel Kramer aus ihrem Bereich Papyrologie an der Uni Trier über "Neue Quellen zum antiken Christentum".


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Der Kapitalismus zerstört sich selbst (16vor vom 0



16 vor

Nachrichten aus Trier


“Der Kapitalismus zerstört sich selbst”

7. Dezember 2010

Mit Robert Kurz lud das “Theologische Quartett Trier e. V.” am Sonntagmorgen einen der gegenwärtig (auch unter Sozialisten) umstrittensten Kapitalismuskritiker ins Palais Walderdorff ein. Der 66-jährige Publizist referierte zum Thema “Der moderne Kapitalismus als säkulare Heilslehre”. Seine Kernthese: Der Kapitalismus besitzt mittlerweile eine religiöse Struktur, in der die allumfassende Vorherrschaft des Marktes als zentrales Dogma damit einhergeht, dass die Marktwirtschaft zur alternativlosen, weil objektiv vorgegebenen Form des gesellschaftlichen Lebens erhoben wird und einzig im rationalen Kalkül des “Homo Oeconomicus” sowie dem vermeintlich endlosen technischen Fortschritt Erlösung verspricht.

TRIER. Ein Tisch, sagt Karl Marx im inhaltlich wie literarisch besonders hochklassigen ersten Kapitel des ersten Kapital-Bandes, “ist ein sehr vertracktes Ding voller metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken.” Solange er einen Gebrauchswert habe und nicht gekauft oder verkauft werde, hafte ihm nichts Mystisches an. Sobald er aber als Ware auftrete, “verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding”. Als Robert Kurz in seinem Vortrag dieses Beispiel nutzt, um seine Wertkritik zu illustrieren, hat er den vielleicht wichtigsten wunden Punkt der gegenwärtigen Gesellschaft klar benannt.

Dieser vom Referenten etwas weitschweifend erläuterte Umstand ist schnell umrissen. So stellt sich manch bürgerliches Individuum, wenn es einen Tisch benötigt, nicht die Frage: “Wo nehme ich ihn her? “, sondern es fragt viel komplizierter: “Wo gibt es einen Tisch billig zu kaufen?” Der sinnliche Gegenstand wird also sofort als in Geld gegossene Arbeitskraft im Kopf des Nachfragers halluziniert. In seinem Denken, das praktischerweise einer bürgerlichen Logik folgt, kann nun absolut jeder Gegenstand Wertform annehmen, unabhängig davon, ob er als Ware produziert wurde oder nicht. Dabei ist es zur quasi-naturgesetzlichen Selbstverständlichkeit geworden, dass wir Dinge einzig im Gelderwerb bekommen können.

Weil uns und unseren Vorfahren genau das über lange Zeit eingehämmert wurde, sind wir laut Kurz unfähig, überhaupt noch Alternativen jenseits der Marktwirtschaft auszuloten. Die Verselbstständigung des Geldes als selbstorganisiertes Medium habe sich nach dem Ende der Herrschaft der Religionen zur neuen Heilslehre aufgeschwungen. Im Windschatten des Protestantismus und der “Entwicklung der Feuerwaffenökonomie” sei die Vernunft in quasi-religiöse Formen gegossen worden. Vernünftig sei nun, den (wie auch immer zustande gekommenen) materiellen Reichtum eines Menschen als durch den “heiligen Markt” erzeugte Gerechtigkeit bedingungslos anzuerkennen.

Terror der Finanzierbarkeit und Sünden im Kapitalismus

“Damit”, so Kurz, “hat sich das Geld für die Menschen zu einer transzendentalen Willensform verändert, zu einem weltlich gemachten metaphysischen Prinzip.” Schuld daran sei der im Kapitalismus notwendige Selbstzweck des Geldes, sich stetig zu vermehren. Und das mithilfe jeglicher “Abstraktion vom Inhalt”, wonach es dem Kapital völlig egal ist, wie es sich vermehrt, solange es nur irgendwie mehr wird. Dieser Logik zufolge fallen irgendwann auch lebensnotwendige Ressourcen dem Profitdiktat zum Opfer und müssen sich dem “Finanzierbarkeitsterror” unterwerfen: “Medizinische Versorgung beispielsweise ist zwar immer vorhanden, aber sie wird nurmehr dem bereit gestellt, der zahlungsfähig ist.”

An die Stelle der religiösen Sünden seien kapitalistische Sünden getreten, die konsequent bestraft werden: “Solche Sünden begehen zum Beispiel jene, die dem Einwohnermeldeamt nicht verfügbar sind und sich damit dem staatlichen Zugriff entziehen. Wer Leben will, ohne zahlungsfähig zu sein, verhält sich ebenfalls schwer sündhaft. Und Hartz 4 ist nichts anderes als gesellschaftliche Inquisition.” Dagegen gelte der immerwährende Fortschritt als “heilige Kuh”. Niemand dürfe ernsthaft in Frage stellen, dass Wirtschaftswachstum und technische Entwicklung grundsätzlich gut für die Menschheit seien. “Als Ultima Ratio dieser technischen Erlösung”, ergänzt Kurz nicht ganz unzynisch, “können wir die Atombombe von Hiroshima betrachten.” Spätestens an dieser Stelle seiner Ausführungen machen sich im Publikum erste despektierliche Huster bemerkbar.

Doch Kurz geht noch weiter. Wir hätten all dies bereits derart verinnerlicht, dass Kapitalismusgegner ebenso als verantwortungslose Spinner diffamiert würden wie diejenigen, die einst den vorgeblichen gesellschaftlichen Nutzen der Sklaverei nicht anerkannten. In der aktuellen Krise zeige sich besonders, wie wenig heutzutage noch im Systemzusammenhang gedacht werde: “Verdammt sind einerseits die so genannten Neuen Armen. Sie sündigen, indem sie bedürftig werden, weil sie nicht nach Billigjobs gieren. Andererseits sehen sich aber auch pauschal alle Banker und Finanzhaie am Pranger, weil sie angeblich ‘böse’ sind.”

Skepsis gegenüber der lohnarbeitenden Bevölkerung

Tatsächlich habe der Dienst am schnöden Mammon die Menschen aber noch nicht einmal im Durchschnitt wohlhabender gemacht: “Dass gesamtgesellschaftlich die Kosten und Schäden überwiegen, gehört zum Wesen der kapitalistischen Produktionsweise.” Einige im Zuschauerraum wippen nun mit strengen Mienen in ihren Stühlen unruhig hin und her. Kurz aber führt seine Annahmen noch weiter, bis hin zu einer Zusammenbruchtheorie. So stürze sich der Kapitalismus “periodenhaft in den Abgrund” und steuere “aufgrund der ökonomischen und ökologischen Dynamik auf seine absolute historische Schranke” zu.

Dieser letzte Aspekt ist eine von Kurz’ umstrittensten Thesen. Schon im Jahr 1999 schlug das Schwarzbuch Kapitalismus – Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft im deutschen Feuilleton ein wie eine Bombe. Minutiös und faktisch meist korrekt berichtet Robert Kurz darin von den Gräueltaten des Kapitalismus seit dessen Frühgeschichte. Außerdem behauptet der Autor, dass der Kapitalismus sich nur selbst zerstören könne (und werde). Bisherige Revolutionen liest er weniger als Akte der Emanzipation, denn als Herrschaftsverfestigung des Bürgertums. Zwar wünscht sich Kurz die Abschaffung des Kapitalismus. Den Lohnabhängigen selbst traut er aber nicht zu, dies aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Jener “verhausschweinten Arbeiterklasse” bleibe vielmehr nur der individuelle System-Boykott, kombiniert mit genossenschaftlichen Tätigkeiten in selbstbestimmten sozialen Räumen.

Wer sich mit Robert Kurz intensiver befasst, sollte dies wissen. Denn so konnte es etwa passieren, dass der Nürnberger in der marxistischen Zeitschrift Das Argument polemisch als “Prophet eines pol-potianischen Jenseits aller Vermittlung” bezeichnet wurde und sein Schwarzbuch unter vielen revolutionshungrigen Sozialisten als “Intellektuellenfibel für den Abgesang auf Kapitalismuskritik” firmiert, während Medien wie die Frankfurter Rundschau und die Zeit das Werk als “fulminante Kritik am kapitalistischen Weltsystem” und “wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre” feierten.

“Dem Tisch die Mucken austreiben”

Dass Kurz im Anschluss an seinen Vortrag dann doch einen kräftigen Applaus erhält, war im Vorfeld also nicht automatisch zu erwarten. Im Gespräch mit Heribert Böttcher (Pax Christi) löst der Provokateur aber nochmal einen gewissen Unmut aus. So verkündet er, die populären “Umsonst-Läden” nicht als Alternative zu betrachten, weil hier die Gegenstände bereits vorher im Gelderwerb erstanden wurden und daher auch nachher Waren bleiben: “Das Ganze ist für mich eher eine Art private Müllabfuhr.” Auch die Stärkung des Ehrenamtes bekommt als reine Selbstausbeutung zugunsten der herrschenden Klasse ihr Fett weg: “Schmiert euch euer Ehrenamt in die Haare!” Den (mehrheitlich) älteren Menschen im Publikum entlocken pointierte Sprüche wie dieser wahlweise ein laut vernehmbares, verächtliches “Tsetsetse” oder die bei betagten Damen ebenso gebräuchliche Empörungsphrase “Also wirklich…”

Robert Kurz’ geistreiche und gut verständliche Analyse regt zweifellos zu Diskussionen an. Die – ganz im Sinne Lenins – zentrale Frage stellt am Ende aber niemand mehr: “Was tun?” Eine Revolution schließt er ja aufgrund seiner an Verhöhnung grenzenden Skepsis gegenüber den abhängig Beschäftigten kategorisch aus. Lieber verbleibt Kurz hier im Abstrakten: “Wir müssen dem Tisch die theologischen Mucken austreiben.” Wer sich nach der Überwindung des Kapitalismus sehnt, dem hilft diese Aussage jedenfalls nicht wirklich weiter. Demnach dürfen sie in Kurz keinen Theorie-Messias sehen. Sein Geburtstag ist übrigens ausgerechnet der 24. Dezember, an dem die Christenheit traditionell der angeblichen Jungfrauengeburt ihres ganz eigenen Erlösers gedenkt. Aber das muss ja bekanntlich nichts heißen.


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TV vom 02.12.2010 zu Robert Kurz

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Der T V vom 16.10.2012 zum TQT Programm 2012/13

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